“Enemy” erläutert

Kritik  von Michaela Gärtner

Man langweilt sich ja schon ein bisschen. Und noch wenn Gyllenhaal aus den Klamotten schlüpft, wird sein Körper von einem Braun beleuchtet, das uns den Appetit verdirbt. Aber “Enemy” bemüht sich nicht um Action oder lecker Liebe; er ist ein Seminar mit fahlem Bass. Sein Thema ist Philosophie der Subjektivität, Schwerpunkt: Ängste. Davon habe ich zwei gezählt, und ohne Mühe, denn nicht nur lässt die Handlungsarmut Raum zum Grübeln; zudem hat jede dieser Ängste ihr brav wiederholtes Symbol.

Da wäre einerseits die Angst, ersetzbar, d.h. nicht individuell zu sein. Ihre Allegorie ist der Doppelgänger. Dessen bloße Existenz ist insofern bedrohlich, als sie beweist, dass ich fungibel bin, dass keine meiner Eigenschaften, nicht einmal deren Konstellation, mein Ich, unvertrebar seien. Mich würde ja keiner vermissen, wenn so ein Doppelgänger an meine Stelle träte. Daher begegnen sich die beiden Gyllenhaals als Feinde der eigenen Unverfügbarkeit, knurren voreinander rum, bis einer endlich stirbt.*

Die zweite und mit der ersten nicht etwa identische Angst ist die vorm radikalen Verlust von Selbstbestimmung. Was ich tue und denke, mein Weltbild und mein Leben sind nicht, wie mir doch immer scheinen will, Erzeugnisse meines irgend eigenen Entschlusses, sondern Effekte fremder Kräfte. Psyche und Soziales, Triebe und Diskurse hocken vielbeinig in der Höhle, die mein Schädel ist, und weben jenes Netz, in dem ich hilflos hänge: eben, was ich tue, was ich denke, mein Weltbild und mein Leben.

Dass übrigens die schwangere Frau einer dicken Spinne gleicht, aus der der Nachwuchs krabbelt, und dass der Mann in beider Netz auf unabsehbare Zeit zu hängen hat, ist dabei nur eine triviale (und wenn man so will: patriarchale) Variante dieser Angst. Die Hoffnung, all dem durch Sex zu entkommen, wie die Anfangsszene suggeriert: eine Nutte tritt auf das Syndrom, wird später durch die allmähliche Verschmelzung von Sexual- und Angstobjekt enttäuscht. Vergeblich seufzen die Voyeure.

Da wir uns mit diesem Angreifer identifizieren, halten wir die Spinne am Ende also für unser Ich – und fühlen doch mitunter, dass es sehr anders ist: Wir sind nur ein Knoten im Netz. Redlich wäre, immerhin, ein Bewusstsein dieses Widerspruchs zu bewahren. Die Reaktion des Protagonisten denn auch auf das, was er am Ende im Schlafzimmer sieht, ist insofern ambigue. Daher möchte ich beinahe sagen, dass nicht der vorletzte (“Huch!”), sondern der letzte Shot des Films der verblüffendere ist, das eigentliche Denouement: Der Held hat seine Ohnmacht, die er selber ist, begriffen und umarmt.

“Enemy” von Denis Villeneuve, Spanien/Kanada 2013

* Natürlich läge es näher, in den zwei Gyllenhaals bloß widerstreitende und letztlich unvereinbare Ich-Anteile zu sehen: scheu eingerückt der eine, impulsbestimmt der andere. Und wer auch immer den Konflikt gewänne, verfinge sich im selben Netz.