Weltfrieden und Skat

Essay  von Stephan Pfob

Es wird ja Zeit für Konstruktives. Während sich mancher über den neuerlichen Abschwung freut, als zeige sich die Heilung, wenn eine Pustel platzt, und wacker Pläne ausarbeitet für “danach”, schauen andere gähnend ins Geschichtsbuch und erklären: Mit Hoffnung, und wäre sie mit den besten Ideen imprägniert, könne man den Sumpf des Menschlichen nicht trockenlegen. So geben Aktion und Reaktion ihr übliches Theater, halb Kasperle, halb Krokodil, und lassen die Kulissen wackeln, dieweil der Puppenspieler siecht. Es scheint, wir sind am Ende, sachlich und argumentativ; was uns einzig bleibe, mag man sagen, sei die Wahl zwischen hélas und alas. Jedoch, es scheint nur so. Denn der Weg zum Heil wurde längst schon eingeschlagen, und zwar, wie gewöhnlich, am Stammtisch. Hier wusste man es ja schon immer besser. Und das Rettungswunder lautet: Skat.

Worauf hatten wir übrigens früher gehofft? Politischen Aktionismus jedenfalls vermag heute niemand mehr ernst zu nehmen, der weiß, wie Menschen wirklich sind. Da wäre nichts zu machen. Die paar Reste Philosophie, auf die seit Platons Blamage ohnehin keiner mehr zählt, hocken in den Gräben ihrer Desiderate, die Köpfe merkwürdig tief zwischen den Beinen; Naturwissenschaft forscht ohnehin nur für die nächsten Nebenfolgen und Gott ist tot, wer weiterglaubt, verlogen. Und auch die Kunst, noch bis vor kurzem Hoffnungsträger, hat ausgedient. Sie war zwar die erhoffte Vorreiterin, doch nur auf dem Rücken eines müden Esels, des Publikums: auf uns. – Zeitgemäß wäre indes ein Medium, das einer Ethik der Verständigung assistiert; das den Komplexitäten des Globalen Rechnung trägt; das den Anderen in seiner Andersheit beachtet und welches, unter allen diesen Anstrengungen, gleichwohl gefällig bleibt. Was also käme da in Betracht?

Schon Friedrich Schiller hatte im 15. Brief über die “Ästhetische Erziehung des Menschen” behauptet, dass der Mensch erst da er selber sei, wo er spiele. Und er hatte damit, bis auf weiteres, Recht. Nur müssen wir ihn heute behutsam aktualisieren: Wo er spielt, wird der Mensch erst er selber. Er ist nur als Werdender gut. Im Hobbykeller der Identität hat immer Licht zu brennen. Aber anders als dort ist der Stammtisch, als neuer Perípatos, als neues Café Flore, ein öffentlicher Ort, man begegnet hier dem Anderen. Hier ventilieren Regeln und Struktur des Skats Bedingungen der Möglichkeit des Guten. Das Kartenspiel wird zur Lehre jener Dynamik, welche über triftige Verständigung, ins gute, richtige Leben führt. – Fragen wir uns nun: Worauf genau im Reglement des Skats beruhen seine edlen ethischen Impulse?

Zunächst: Skat simuliert das Wechselspiel der Mächte und Perspektiven. Wie in Jorge Luis Borges‘ “Die Lotterie von Babel” kann durch Schicksals Gunst und Ungunst jeder in jede Lage geraten: Bald ist man allein, bald in einer Gruppe, bald Hegemon und Herrscher, bald Opposition. Bald hält man alle Macht in seinen Händen – nur, um zu erkennen, wie wenig alle Welt sich freut, wenn man sie schamlos nutzt; bald wird man sehen, dass man auch ohne gute Karten durchaus siegen kann. Und bald tritt jeder gegen jeden an. Das Spiel beschränkt sich klug darauf, solche Komplexität, ohne sie zu unterschlagen, allegorisch anzudeuten.

Skat weiß zudem vom höheren Adel des Tüchtigen. Es ist der Unter, der den Ober sticht, den König und das Ass. Die Standes- oder Gruppenordnung der Gesellschaft, aus Tradition und durch Notwendigkeit halbwegs stabil, wird perforiert von Tugend, personifiziert vom Buben. Die Masse tritt dabei als bloße Zahlengröße hinter die großen Einzelnen zurück und zählt, was ebenso bedauerlich wie realistisch ist, am Ende nichts. Unbarmherzig reflektiert das Spiel die Bilanzierung der Geschichte. Diese, so enthüllen insgeheim die Regeln, liebt nur die Mächtigen und die Genies. Und doch: Auch hier kennt Skat ein Anderes.

Eines seiner Spiele nämlich wirft alles um. Sogar die Unter reihen sich ein, gleichsam zwischen Machthaber und Volk, der Kartenwert steht Kopf; im Glück ist nun derjenige, der die kleinsten Karten, die sogenannten Luschen hat. Wer aber sticht, verliert: Macht und Besitz führen in den Untergang. Das Nullspiel ist Allegorie der Revolution. Deren Wesen trifft es auch da genau, wo es unsere grundsätzliche Haltung ihr gegenüber hervorruft: Keiner versteht sich darauf und wer es mag, der ist ein Sonderling.

Und schließlich beschreibt Skat die Eskalation von Macht. Wer spielerisch bezweifelt, dass ein anderer so gut ist, wie er vorgibt zu sein, dem kann man “Kontra” geben; wer dementgegen auf seiner Position beharrt, entgegnet “Re”, wer weiterhin bezweifelt, “Bock”. Als Mächte plustern sich die Spieler voreinander auf. Wer dann verliert, verliert entsetzlich. Nachspiel dessen ist das Chaos eines Jeder-gegen-Jeden: ein langer Ramsch, bis man mit einem Grand (!) aufs Neue Machtansprüche stellt. Blind, wer nicht im sogenannten Kalten Krieg ein historisches Exempel für eine solche Formel sähe.

Vieles wäre noch auszudeuten, zumal zur Wertigkeit der Farben, zur beredten Differenz zwischen deutschem und französischem Blatt, zum schönen Geständnis der Irrtümer und zum Geist der Ausspielfehler – viel mehr, als dem ja stets zugleich mit anderen Tabs befassten Internetleser so auf die Schnelle zugemutet werden dürfte. Nur eins vielleicht zum Schluss, als Resümee: Schalten Sie doch den Rechner aus, schieben Sie Ihr Schachspiel beiseite, gehen sie ins Wirtshaus und spielen Sie Skat! Und werden Sie, im besten Sinne, zum Menschen! – Und wenn man Sie dann fragt: hélas oder alas?, dann antworten Sie mit einem salbungsvollen “Passe”!