Der Randaffe

verfasst  von Stephan Pfob

Über Gorillas war in der vorletzten, nunmehr vergriffenen Ausgabe von … das Folgende zu lesen: In jeder Horde befinde sich ein Exemplar, das aus zumeist schwer zu ermittelnden Gründen entweder unter Androhung von Gewalt ausgestoßen oder immerhin nachdrücklich dazu ermuntert werde, die Gruppe zu verlassen. Ein derart Ausgewiesener suche sich nach einer kurzen, an Atemnot erinnernden Phase dann einen Abgrund, an dessen Rand er sich, auf diese Weise zum Randaffen werdend, niederlasse. Da er fortan den Rücken zum vermuteten Rastplatz der Horde und seinen Blick ins Weite halte, das Kinn auf den Knien, nimmt man an, er ergebe sich dort seiner Melancholie.

In dieser Hockstellung harre er mit bald stark bewegten, zunehmend entschlosseneren Zügen, wohl also gleichsam das Tier in sich niederringend, aus, bis ihm sein endlich bezwungener Wille gestatte, sich in die Tiefe zu stürzen. Im letzten Augenblick aber, ein Bein schon über der Leere, solle er sich wie einer, der zu viele Mainstream-Filme gesehen habe, noch einmal umschauen, ob nicht jemand zu seiner Rettung herbeigeeilt sei. Da aber keiner seiner Artgenossen zu erscheinen pflege und auch weder die zufällige Anwesenheit anderer Tiere noch mitfühlend aus dem Buschwerk tretende Forscher bei ihm Eindruck hinterließen, lasse sich der Randaffe ohne weiteres Zögern in den Tod fallen.

Solche Abgründe hätten sich dann über Generationen zu gut besuchten Beuteplätzen für Aasfresser entwickelt. Gelassen hinaufschauend säßen dort Hyänen im Geröll, friedlich Kadaverfrösche neben farbigen Echsen und in rücksichtsvoller Stille sogar sonst pausenlos zirpende Riesenheuschrecken. Auch Geier würden beim Anblick eines Randaffen umgehend ihr Kreisen beenden und in der Nähe der anzunehmenden Aufschlagstelle landen. Wenn auf diese Weise ihre Federleiber von größeren Steinen verdeckt seien, erschienen ihre rötlich nackten Hälse, so die Wissenschaftler in schöner Poesie, mitunter wie die noch aufragenden Beine abgestürzter Wildtouristen.

Doch biete die Aasfauna dieser Orte noch andere Attraktionen. So werde von Einheimischen berichtet, dass in Zeiten der Dürre hungrige Nilpferde vom Fluss heraufkämen, um sich am Hang zu postieren mit aufwärts aufgerissenem Maul. Ihr mit harmlosen Stummeln umzahnter, zartrosa Schlund könne von oben, also aus Randaffenperspektive, als etwas durchaus Einladendes aufgefasst werden. Wenn nun nach seinem vergeblichen Umschauen der Randaffe direkt in einen Nilpferdrachen falle, verrate keines der wartenden Tiere Unwillen oder Neid; es wolle vielmehr scheinen, als würde auch dem Kauen, ja noch dem satten Daliegen beifällig zugeschaut; die Einheimischen selbst seien oft genug mit einem wohltuend einvernehmlichen Gefühl von Billigung daneben gestanden.

Soweit der zoologische Artikel (unter Auslassung des mystischen Exkurses der letzten Paragraphen). In der darauf folgenden Ausgabe von … enthüllten die beteiligten Wissenschaftler unter großem Beifall einiger Kollegen, dass es sich bei dem nun sogenannten “Randaffenreport” um einen seit langem geplanten Scherz, einen akademisch von Zeit zu Zeit notwendigen Hoax handle, der nur aus redaktionellen Gründen nicht bereits in der Aprilausgabe Platz gefunden habe und dessen Fingiertheit man schon daran habe erkennen können, dass doch Gorillas anatomisch gar nicht in der Lage seien, ihre Köpfe auf ihre Knie zu legen.