Doch ein Zertreten des Flädchens. Filmkritikkritik zu Nolans “Bestem”

Kritik  von Gärtner und Pfob

Interstellar ist eine Katastrophe, ohne Zweifel, und keine geringere als die in ihm dargestellte. Es wäre überflüssig, Kritik an derart Offensichtlichem zu üben, also das Brechtsche Kuhflädchen zu zertreten, wenn es nicht andere, die etwas taugen sollten, zum nächsten Klassiker ausgerufen hätten. Denn den Film an die Seite von 2001 zu stellen wie Rüdiger Suchsland kommt einer geistigen Selbstabdankung gleich, zu der im Fall von Jörg Gerle noch eine stilistische tritt.

Ideologisch ähnelt Interstellar Nieten wie Emmerichs 2012 oder Forsters World War Z. In ihnen verklärt sich die Würde der väterlichen Familie denkbar hohl. Ihr Hauptkonflikt, der Widerspruch von Dienst und Liebe, soll narrativ geschlichtet werden, indem die Rettung der Familie mit der der Menschheit zusammenfällt: Papa bricht zum Allergrößten auf. Seine Abenteuer freilich verrenkten sich in falscher Erbaulichkeit. Die Mutter etwa, wie um das Herrscherleid des Vaters zu erhöhen, ist zu Filmbeginn verstorben. Ihren Tod, verwandelt in eheliche Wehmut, benutzt eine der unredlichsten Szenen des Films, die lachhaft gezogene Grenze zwischen Gesellschaft und Familie – die Mondlandungsleugnung der Lehrerin – noch mit Gefühl zu verminen.

Um im Weiteren die familiäre Heilsidee zu sichern, muss der Film deren Widersprüche externalisieren. Da wäre zum einen der Umstand, dass elterliche Liebe nicht weniger als ja Familie selbst genetischer Selbsterhaltung dient. Ihrer Tendenz nach sind beide repressiv. An der Gnadenlosigkeit, mit der sich allzu oft die familiäre Liebeszelle hart macht gegen ihre Umwelt, lässt sich das leicht belegen. Um davon aber abzulenken, ist sich Nolan nicht zu schade, einen Strohmann hinzustellen, der so abstrus ist, dass er nicht einmal mainstream-filmisch irgend Sinn macht. Die Skrupellosigkeit individueller Selbsterhaltung darf sich in Gestalt des talking villain Dr. Mann gleich selbst und so didaktisch widerlegen wie nur sonst der böse Zwerg im Kindermärchen.

Für die Versöhnung, andererseits, von Außendienst und Familiensinn erfindet Nolan eigens die fünfte Dimension. In dieser kann der Vater, da durchaus Engel und jeden Schritt dem Publikum erklärend, seine Tochter mitsamt der Gattung retten. Pater familias kann alles. Auch hier enthüllt sich durchs groteske Konstrukt die groteske Ideologie: erst durch verblüffend günstig arrangierte Zeitverräumlichung im schwarzen Loch kann der Vater lieben, arbeiten und weltretten zugleich.

Und als sich Papa zum Schluss heimlich fortmacht, nachdem er seinen Lebenssinn mit der Tochter offenbar verliert: auf in die Weiten des Alls wie John Wayne in The Searchers ins Indianergebiet, schnappt Nolan vollends über und verrät, woher der Wind im Übrigen weht. Treffend hat Katja Nicodemus in der Zeit auf das westerntypische Motiv des Weiterziehens ins Nächste, Unverwüstete hingewiesen. Der Oregon Trail freilich war der Bandwurm eines Landes, das man von anderen nahm. Als mythisches Motiv einer Flucht nach vorn ist er ins amerikanisch-weiße Bewusstsein gekrochen und frisst sich im Rechtfertigungsgenre des klassischen und des Sci-Fi-Westerns weiter. Auch dafür legt Interstellar Zeugnis ab.

Dass überdies jeder Szene ihr musikalisches Glutamat beigerührt wird, ist mehr als nur Indiz für all die narrativen Schwächen. Das penetrante “Horch! Jetzt musst du fühlen” verrät wie jeder andere Kitsch sein Publikum. Geweint wird nur zu Streichern. Hier ist Musik wie in 2001 nicht einmal auch ironisch, sondern trivialisiert das Augenfällige weiter; oder pumpt Gefühl in Phrasen und misslungene Montagen – vgl. die musikalische Überschwemmung im größten cross cut des Films. Das klingt dann irgendwann so komisch wie der Walkürenritt beim Pipimachen. Zimmers Anspielungen zudem auf Strauss’ Zarathustra und damit auch aufs filmische Vorbild, geraten ungewollt zur Selbstparodie.

Schmerzfrei könnte man Filme wie diesen wohl nur als Ethnologe schauen, als wären sie der Iwein oder das Genji Monogatari oder irgendeine Pimmelstatuette aus der Bronzezeit. Nur leider muss man, so gar nicht wissenschaftlich detachiert, tagtäglich leben zwischen all den Leuten, die diesen Scheiß konsumieren, ohne sich dabei etwas zu denken, und die genauso bedenkenlos einem immer auf den Füßen rumstehen, den Raum mit sich vollmachen und alles ebenso herunterwirtschaften, wie es zu Beginn von Interstellar, immerhin, dargestellt wird. Die reale Katastrophe aber steht nicht am Anfang wie im Film; es sei denn, man verwechselt mit ihr, wofür Nolan opportun Reklame macht: das Primat rigiden Familiensinns. Dann aber wäre, ideologisch hochgerechnet, schon die Idee einer Menschheitsrettung so obszön wie Amerikas Landnahme blutig.

Rüdiger Suchsland: “Kein Gott kann uns retten”, auf: www.artechock.de/film/text/kritik/i/inters.htm

Jörg Gerle: “Interstellar”, FILMDIENST 23/2014